Skippergemeinschaft

 

 


Kurzer Bericht einer spätherbstlichen Überführung La Rochelle – Seychellen für das Gebiet La Rochelle – Benalmádena,
Das Schiff: Katamaran 40 Fuß, Startzeitpunkt: 09. November.

Seit 14 Tagen sitzen wir nun im teueren und kalten La Rochelle herum und warten wir auf die Fertigstellung einer Nautitec 40. Wir werden sie nach Victoria/Mahé/Seychellen überführen. Nach Werftangaben ist der Kat fertig zum Auslaufen. Sichtbar fehlen aber Installationen im und auf dem Schiff – Aufgabe der Zulieferer. Das ewige Vertrösten zermürbt uns langsam. Gestern ist ein Crew-Mitglied abgereist, wir sind jetzt nur noch zu dritt.

Im Schiff zu schlafen ist unmöglich, der Schweiß der Leute, die tagsüber den Ausbau vorantreiben, tropft von den Wänden, das gesamte Schiff stinkt nach giftiger Grundierung und frischer Farbe. Die Außentemperatur beträgt in der Nacht ***minus*** 2°C. Wir schlafen in einer Seemanns-Unterkunft. Das Geld dafür haben wir dem Auftraggeber unter Androhung der sofortigen Abreise abgerungen.

So ärgerlich die Verzögerungen sind - früher hätten wir aber auch gar nicht losfahren können, weil die Wetterfenster bis Kap Finisterre zu knapp waren oder gänzlich fehlten. Ein anderer Überführer neben uns (57-Fuß-Kat für die Karibik) wartet bereits seit 3 Wochen auf Gelegenheit.

Jede Menge Zugvögel waren präsent, riesige Schwärme, die anscheinend wie wir auf günstige Winde warteten und sich in Kaskaden, mal auf den Alleebäumen in der Nähe der Piers, mal in den inneren Parks von La Rochelle niederließen. Sie schissen alles voll. Volltreffer in die Biergläser und Kaffeetassen der Touris sorgten für ausreichend Erheiterung unsererseits: Wie lange doch der gemeine Landlubber braucht, sich solcher Unbill zu erwehren: Meine Sailors hatten jedenfalls schnell begriffen: Der Bierdeckel gehört in solchen Fällen auf und nicht unter das Glas. Dann, einen Tag vor unserer Abfahrt waren die Piepmätze plötzlich alle verschwunden. Woher die ihren Wetterbericht hatten, werden wir so schnell nicht erfahren. Jedenfalls gaben die örtlichen Wetterstationen auch uns für die nächsten Tage freie Fahrt.

Ziel eines Seglers der kleinen Klasse (40’) auf dem Weg durch die Biscaya ist es, mindestens 30 sm von Kap Finisterre frei zu sein. Andernfalls drohen Böen, nicht kalkulierbare Strömungen sowie die lokale Netzfischerei. Weiterhin entstehen an diesem Kap klitzekleine aber sehr starke Tiefs, die von den Wetterstationen gar nicht oder aber erst sehr spät erkannt werden und in die Berichte Eingang finden. In den Handbüchern der alten Handelsschiffahrt mit Seglern gibt es Anweisungen, die selbst für Schiffe, die mit südlichen Kursen aus dem Kanal kommen, weit westlich von Finisterre verlaufende Kurse bestimmen.

Wir starteten mit einem 4-tägigen Wetterfenster zum finsteren Kap. Eigentlich braucht man nur drei Tage Kalkulationssicherheit – aber sicher ist sicher, vor allem, wenn das Schiff nagelneu ist. Selbstverständlich waren alle Werkzeuge und Ersatzteile zur Behebung von Schäden an Bord. Die Startzeit war – mit auslaufender Tide - so gewählt, dass vor dem Einbruch der Dunkelheit alle Gebiete mit Netzfischerei, Krabbenkörben und sonstigen Hindernissen der Küstenfischerei durchquert sein mussten. Die Wettervorhersage: NNW 5, auf N drehend, Böen bis 7, Seegang 4 Meter, alles abnehmend.

Wir laufen also aus, vorsichtshalber nur unter Genoa. Einige Stunden hält sich das Wetter an die Vorhersage. Dann, mit zunehmenden Küstenabstand, verstärkt sich der Wind rückdrehend auf WNW über 8 auf 9 Bf.. Nach ca. 12 Stunden werden die Eintragungen der Wachwechsel im Logbuch langsam unleserlich. Wind und See nehmen stetig zu. Die ersten Wandverkleidungen fallen herunter. Der Kat benimmt sich wie ein LKW, der ohne Federung mit hoher Geschwindigkeit über eine tiefe Schlaglochpiste rast. Ein Mitsegler wird vom Navitisch an Bb quer durch den gesamten Innenraum geschleudert und findet sich am Fuß des Niedergangs im Stb-Schwimmer wieder. Kurz zuvor hat ihm eine Kat-typische Scherbewegung beim Ausfüllen seiner Wachbuchzeile den Kugelschreiber aus der Hand geprellt.

Nach 20 Stunden, bei Böen von mittlerweile bis 55 kn sehen wir bei Sonnenaufgang, dass wir in ein Feld von Bauholz geraten sind - Bohlen, drei bis vier Meter lang. Als Deckslast gefahren, sind die Hölzer in den Stürmen vorher, von einem Frachter zwecks Krängungsausgleich aus den Laschings gehackt worden und über Bord gegangen. Für uns bedeutet das trotz erheblicher Kollisionsgefahr: Weiterfahren mit gleichem Kurs und Geschwindigkeit, da bei mittlerweile sieben Meter steiler See kein Beidrehen mehr möglich ist. Und quer zu den Hölzern – no way. Ein Crew-Mitglied, Name wird nicht verraten, (Youngster, 40 Jahre alt, erst 30.000 sm auf dem Buckel) fängt das Beten an. Wären da statt Bohlen Baumstämme geschwommen, wäre euch dieser Bericht mit Sicherheit erspart geblieben. Und da heißt es immer, Wasser hat keine Balken.

Nach weiteren etwa 10 Stunden ist das Treibholz endlich verschwunden. Zwei schwimmende Fischfabriken tauchen ihre Nasen in die See und nehmen Wasser über das Vorschiff. Dann dreht der Wind endlich recht auf Nord und geht auf 30 kn zurück.

Der Rest bis Finisterre: Wind bis 25 kn aus Nord, nach der Rundung dann Wind zwischen 24 – 18 kn aus Nord abnehmend: der Portugieser hat uns empfangen. Angel ausgelegt. Finisterre schaut wirklich finster aus.

20 sm südlich Finisterre war dann Sonne satt aber **leider** nur noch Wind mit abnehmender Tendenz unter 20 kn aus Nord – dafür statt Thun eine Möwe an der Angel. Erstmals wird das Groß gesetzt – Rauschefahrt bis kurz vor Cabo Sao Vicente.

Nach insgesamt acht Tagen haben wir dann von La Rochelle aus Benalmádena erreicht und uns in der nächsten Kneipe einen „gezündet“. Denn bei meinen Überführungen gibt es an Bord exakt und absolut Null Alkohol.

Grüße Viktor v. Heydebrand
Skippergemeinschaft

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